Vita

1971             geboren in Schleiden
1991 -1993  Philosophiestudium an der RWTH Aachen
1993 -1997  Malereistudium an der Kunstakademie Maastricht
                      lebt und abeitet in Aachen

Ausstellungen

2015   Into other Scapes, Museum van Bommel van Dam, Venlo (NL)
            fuzzy sets, artothek Köln
2014   Die Grosse Kunstausstellung NRW, Museum Kunstpalast Düsseldorf
2013   edition norm, Barbette - Berlin
            OSTRALE´013, Dresden
            Intervalle, Kirche St. Marien in Würselen
2012   Kunstroute, Wanda Reiff, Bemelen (NL)
            Prix Louis Schmidt, Musee d'art contemporain - Freie Universität Brüssel (B)
            Pulsar, Bild für die Kirche St. Nikolaus (Citykirche), Aachen
2011   ikob Kunstpreis 2011, Museum für zeitgenössische Kunst in Eupen (Belgien)
            Vera Hilger - Bilder 2010/11, Galerie Freitag 18.30, Aachen
2009   Schimmer, Siegerlandmuseum Ausstellungsforum Oranienstrasse, Siegen
2007   Stipendium Stiftung Starke, Artist in residence, Berlin
            Galerie Geymüller, Essen
            Galerie Arcane, Lüttich (Belgien)
2006   Sfumato, Raum für Kunst, Aachen
            Landschaft, Galerie Wolfs, Maastricht (Niederlande)
2004   petit comité, Galerie Wolfs, Maastricht
2003   Spaziergang, Galerie Wolfs, Maastricht
2002   Galerie Wolfs, Maastricht
2001   Galerie Pin, Bielefeld
2000   Galerie Cave Canem, Aachen
1999   Galerie Cave Canem, Aachen
1997   Examensausstellung Akademie Beeldende Kunsten, Maastricht
1995   Galerie van Laethem, Hasselt (Gruppenausstellung, Akademienauswahl)

Kataloge /
Editionen

  • fuzzy sets, artothek Köln und Museum van Bommel van Dam, Venlo, 2015
  • Schimmer, Siegerlandmuseum Ausstellungsforum Oranienstrasse, 2009
  • Sfumato, Raum für Kunst, Aachen 2006
  • Spaziergang, Galerie Wolfs, Maastricht 2003

über Vera Hilgers Arbeiten

von Rick Vercauteren, Museum van Bommel van Dam, Venlo (NL)

Fuzzy Sets – Into other Scapes

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar".
Antoine de Saint-Exupéry

Im Rahmen der Ausstellung fuzzy sets in der Kölner artothek und der internationalen Ausstellung Into other Scapes im Museum van Bommel van Dam (Venlo) präsentiert die bildende Künstlerin Vera Hilger (Schleiden, Deutschland, 1971) im Jahre 2015 Kunstwerke, die zwischen 2012 und 2014 entstanden sind.
Hilger fertigt nahezu ausschließlich nonfigurative Arbeiten, die sich durch einen delikaten Aufbau in mehreren Temperaschichten auszeichnen, in die gelegentlich viel geringere Mengen an Ölfarbe subtil hineingemischt werden.
Die oft sorgfältig konstruierten Kompositionen haben eine ausgeprägt repetitive und rhythmische Struktur:
Innerhalb eines Bildes wiederholen sich Formen, Flächen, Punkte, Motive, Linien, Löcher, Kugeln oder Blasen, wobei sie sich jeweils nur in winzigen Details unterscheiden. Dabei entstehen nach und nach organisch wirkende Muster, die sich in illusionistischer Hinsicht vor den halbdurchsichtigen Untergründen zu befinden scheinen. Vera Hilgers nonfigurative, titellose Kunstwerke repräsentieren in der Regel genau genommen nichts Konkretes – dennoch wecken sie hin und wieder Assoziationen mit elementaren Prozessen und Phänomenen in der überraschenden, omnipotenten Natur.

Im Jahre 2015 besteht in der Wissenschaft Einvernehmen in der Frage, dass der so genannte Urknall – cartoonhaft als Big Bang bezeichnet – vor 13,8 Milliarden Jahren stattgefunden hat. Zu diesem spezifischen Zeitpunkt entstehen Raum und Zeit. Die Materie im Universum ist anfangs nicht gleichmäßig verteilt. Zunächst gibt es eine faserige, dreidimensionale großskalige Struktur, die aus langgezogenen Schwaden voller Gase besteht. Nach und nach verklumpen diese Gase zu Sternsystemen wie der Milchstraße, in der wir leben.
Dank hochleistungsfähiger Teleskope wissen wir, dass sich die vielen Sternsysteme um uns herum mit enormer Geschwindigkeit von uns entfernen. Das Universum als Ganzes dehnt sich ständig schneller aus. Eine noch unbekannte abstoßende Kraft entzieht der lange angenommenen Verlangsamung durch die Schwerkraft oder den Theorien über eine mögliche Superschrumpfung - als Big Crunch bezeichnet – völlig den Boden. Dieses Wissen führt zu verblüffend neuen Erkenntnissen. Wenn wir uns die Vergangenheit anschauen, ist unser Universum endlich und begrenzt.
Alles, was weiter von uns entfernt ist als die exakte Strecke, die das Licht in 13,8 Milliarden Jahren zurücklegen kann, können wir nämlich in absolutem Sinne nicht sehen. Blicken wir statt dessen in die Zukunft, ist unser Universum unendlich und unbegrenzt. Die Expansion des Universums wird, wie sich aus den jüngsten teleskopischen Wahrnehmungen an weit entfernten, zerfallenden gigantischen Sternen (Supernovas) ergibt, nie mehr aufhören.
Das Sterben eines Sterns ist im Grunde eine entgegengesetzte Miniaturversion des Urknalls, wobei ein wirklicher, katastrophaler Kollaps chemisch zu einer riesigen energetischen und materiellen Stoßwelle transformiert. Eine Implosion verändert sich plötzlich in eine Explosion. Der umgestülpte Stern wird zu einem Nebel, der sich letzten Endes auflöst. Allerdings bleibt ein kleiner, superkompakter Neutronenkern zurück. Dieser seltsame Himmelskörper, der 1967 von Jocelyn Bell und Anthony Hewish entdeckt wurde, dreht sich unzählige Male pro Sekunde um die eigene Achse. Ein sogenannter Pulsar lässt sich am besten mit einem wahnsinnig schnell rotierenden Brummkreisel mit einer Eisenkruste vergleichen, die von einem superstarken Magnetfeld umgeben wird und auf die ohne Unterbrechung elektrisch geladene Teilchen einprasseln. Die Pole des Magnetfelds liegen bei einem Neutronenstern nicht auf der Rotationsachse. Deshalb werden regelmäßig starke Radiowellenbündel ins Weltall ausgesendet. Der ehemalige Riesenstern produziert, nun in superkondensierter Form, jedes Mal wieder neue Lichtbündel. Ein an- und ausgehender, blinkender Pulsar funktioniert in wörtlicher und übertragener Bedeutung wie eine kosmische Bake: ein Leuchtturm im Outer Space.
Normalerweise arbeitet Vera Hilger beim Aufbau ihrer mehrschichtigen Bilder bewusst langsam. In den Jahren 2011-2012 malt sie – als Auftragsarbeit – in nur acht Monaten mit Öl und Tempera das großformatige Pulsar (Abb. Galerie Pulsar, Bild 1 und 2) für die Kirche St. Nikolaus in Aachen; das kolossale Bild hat die Maße 280 x 600 cm. Das Atypische – arbeiten unter relativ hohem Zeitdruck – empfindet die Künstlerin überraschenderweise nicht als Belastung. Die komplexe Komposition in Pulsar kommt ohne eine einzige Vorstudie zustande. Beim spontanen Entstehungsprozess im Atelier gelingt es Vera Hilger vor allem, unterschiedliche Aspekte des Firmaments wie die bereits erwähnte großskalige Struktur und das wundersam visuelle Pulsieren eines letzten Überbleibsels einer Supernova auf fiktive Weise unnachahmlich darzustellen.
Unter anderem stimuliert von ihrer tiefen Faszination für das Himmelszelt ihrer Jugend in dem nachts völlig kunstlichtlosen Dorf Krekel im Nationalpark Eifel überträgt die Malerin auf überzeugend suggestive Weise astrophysikalische Aspekte des Sternenhimmels in Farbe. Dabei berührt sie im Grunde den Kern des Universums: ein ununterbrochenes Strömen in Kombination mit dem ständigen Kommen und Gehen natürlicher Elemente, die die zyklische Evolution des Universums dauerhaft speisen.
Mit ausgesprochenem Malvergnügen beschwört Vera Hilger hier mit klassischen Medien einen für das menschliche Auge in der Realität kaum wahrnehmbaren Raum herauf, in dem der Kontrast zwischen Hell und Dunkel wohlüberlegt und überschäumend herausgearbeitet wird – vor dem bewusst dargestellten, ausgeprägt diaähnlichen Hintergrund kommen die unzähligen Sterne optisch schließlich am besten zu ihrem Recht.
Gleichzeitig fällt auf, dass dieses fast 18qm große illusionistische Mosaik nicht eingefasst ist. Die Künstlerin suggeriert hiermit gezielt, dass dieses große Werk ein winziger Ausschnitt aus einem viel größeren kosmischen Ganzen ist. Durch den bewussten Verzicht auf Rahmen verweist Vera Hilger in philosophischer Hinsicht zugleich direkt auf die ständige konkrete Expansion des Universums.
Während der Ausstellung fuzzy sets (wörtlich zu übersetzen als “Unscharfe Mengen”) im Jahre 2015 in Köln zeigt Vera Hilger überwiegend rechteckige Arbeiten, die sie nach der spektakulären Entstehung von Pulsar gemacht hat. Dabei geht es ausschließlich um titellose, nonfigurative Arbeiten wie das in erster Linie mit besonders ansprechenden, rhythmischen Nuancen in Schwarz und Weiß gehaltene Werk Ohne Titel aus dem Jahre 2012 (Abb. Galerie Pulsar, Bild 7) und das unter anderem dank der Präsenz unzähliger illusionistischer Meteoriten barocker wirkende Gemälde Ohne Titel (Abb. Galerie Pusar, Bild 14) aus dem Jahre 2013.
Die Schau fuzzy sets präsentiert auch kleinere Kunstwerke, die im Vergleich mit den monumentalen Maßen von Pulsar wie Miniaturen wirken. Die Kompositionen von Ohne Titel aus dem Jahre 2014 (Abb. Galerie Pulsar, Bild 11) oder Ohne Titel aus dem Jahre 2014 (Abb.Galerie Pulsar, Bild 21) sind gefühlvoll vielgestaltig und außergewöhnlich kräftig. Über einem graublauen Untergrund mit überwiegend braunen und roten Untertönen hat Hilger – wie in Pulsar – einen interstellaren Mikrokosmos mit zentral positionierten Nebeln sowie helle und dunkle Himmelskörper kreiert. Manche punkt- oder kreisförmige Tupfer in Weiß wurden mit einem Pinsel effektvoll bearbeitet, sodass die Materie der implodierten Sterne horizontal in den angedeuteten Kosmos hineingeweht wird. Die illusionistisch ausströmende Materie wird von einem Sternenwind metaphorisch gesprochen in einen chemischen Kreislauf ad infinitum gebracht werden.
Mitte 2014 entsteht Ohne Titel (190 x 180 cm, Abb. Galerie Pulsar, Bild 24). Über ein älteres Werk, das zum Missfallen der Künstlerin einfach nicht geboren werden will, zeichnet Vera Hilger mit relativ fettem Ölstift aus einem Guss ein mäanderndes Muster aus unregelmäßigen Luftperlen und -blasen. Dem anfangs von Zweifeln nahezu vollständig aufgezehrten Bild wird durch diesen Eingriff mit einem Mal neues Leben eingehaucht. Dieser Modus Operandi passt bildhaft und mental genau zu der bereits 1965 von L. A. Zadeh eingeführten mehrwertigen Logik. Diese im Kern um Zweifel kreisende Logik, die im Englischen als fuzzy logic bezeichnet wird, befindet sich in philosophischer und mathematischer Hinsicht auf der zerebralen Schnittfläche zwischen wahr und unwahr.
Vera Hilgers in den letzten Jahren entstandene Kunstwerke, die die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten sinnlicher Wahrnehmung in Bezug auf großmaßstäbige kosmische Prozesse zum Thema haben, widerspiegeln auf mehreren Ebenen zugleich diese Logik der unscharfen Mengen. Mit aufrichtigem Respekt verweise ich auch gerne auf das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry, das diesem Artikel vorangestellt ist. “Das Wesentliche ist unsichtbar. Nur das Herz nimmt wahr, was wirklich wichtig ist.”

News

  • | 15.1. - 21.2. 2015 | fuzzy sets
    artothek Köln

    Es erscheint ein Katalog
  • Film von Thomas Görger
    zur Ausstellung fuzzy sets

    Link
  • | 20.9.2015- 10.1.2016 | Into other Scapes
    Museum van Bommel van Dam, Venlo

    Niederlande
  • Belgischer Rundfunk
    Portrait: Vera Hilger

    Link

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